Erfolgreiche Nachhaltigkeitsmanager – Was macht den Unterschied?

Saskia Juretzek ist Expertin für strategisches Nachhaltigkeitsmanagement und als Gastdozentin unter anderem an der TU München tätig. In ihrer gerade abgeschlossenen Doktorarbeit hat sie untersucht, welche Kompetenzen Nachhaltigkeitsmanager brauchen, um Nachhaltigkeitsstrategien erfolgreicher umzusetzen. Mathias Pianowski, Geschäftsbereichsleiter Nachhaltigkeit und Innovation bei der BCC, fragt nach.

 

Pianowski: Frau Juretzek, Sie haben 80 Berater und Nachhaltigkeitsmanager befragt – vor allem aus den Branchen Textil und Bekleidung, Konsumgüter, Handel und Automobil. Was wollten Sie herausfinden?

Juretzek: Ich wollte herausfinden, warum Nachhaltigkeitsstrategien entgegen der Bemühungen der Unternehmen häufig nicht erfolgreich umgesetzt werden. Durch Konflikte zwischen Effizienz und Nachhaltigkeit sowie zwischen den Dimensionen nachhaltiger Entwicklung (sozial, ökologisch, ökonomisch) stoßen Entscheider bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien auf vielfältige dilemmatische Entscheidungssituationen. Ich habe nun untersucht, welche Dilemmata bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit in Unternehmen auftreten, wie Manager damit umgehen und welche Kompetenzen Entscheider benötigen, um diese zu bewältigen. Zudem habe ich mir angesehen, welche weiteren Rahmenbedingungen im Unternehmen vorliegen sollten, um unternehmerische Nachhaltigkeit erfolgreich umzusetzen.

 

Pianowski: Was sind die Top-Dilemmata?

Meist stehen sich laut Studie soziale, ökologische und (langfristige) ökonomische Nachhaltigkeitsanforderungen den (meist kurzfristigen) Effizienzanforderungen (Budget/Zeit/Mitarbeiter) gegenüber. Denn neben den reinen Win-Win-Situationen, in denen sich Nachhaltigkeit und Effizienz ergänzen und sich Kosten kurz- bis mittelfristig amortisieren, sind für eine nachhaltigere Produktqualität, ökologische Maßnahmen und Sozialleistungen für Mitarbeiter häufig langfristige Investitionen notwendig.

 

Pianowski: Ja, die Gewinnziele der Unternehmen sind meist kurzfristig ausgerichtet und stehen im Konflikt zu den langfristigen Nachhaltigkeitszielen. In meinen Augen fassen fortschrittliche Unternehmen Ausgaben für Nachhaltigkeit aber nicht als operative Kosten, sondern als Investition auf. Gab es Erkenntnisse, wie es dann um Dilemmata bestellt ist?

Juretzek: Lassen Sie es mich so formulieren. In Unternehmen, die eine langfristige Perspektive einnehmen und langfristige Gewinn- und Nachhaltigkeitsziele definieren, wie einige der interviewten Familienunternehmen, treten Dilemmata selten bis gar nicht auf. Hier sind häufig die richtigen Rahmenbedingungen vorhanden – die Geschäftsführung steht hinter Nachhaltigkeit und lebt sie, Nachhaltigkeitsziele und -prioritäten sind in die Entscheidungsprozesse integriert. Bei Einkaufentscheidungen geht es dann bspw. nicht um den günstigsten Preis, sondern vor allem um eine langfristige Sicherung der Ressourcenbasis zu fairen Preisen. So dass gute Lieferanten bestehen können und langfristig eine gute, nachhaltige Qualität liefern.

 

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Saskia Juretzek

Pianowski: Was braucht es denn für Kompetenzen, um Dilemmata zu managen?

Juretzek: Auf den ersten Plätzen stehen vor allem personale und sozial-kommunikative Kompetenzen, also weniger die reinen Fach- und Methodenkompetenzen. Die laut Managern und Beratern wichtigsten Kompetenzen sind Beharrlichkeit und Geduld, Glaubwürdigkeit, Kommunikationsfähigkeit sowie systemisches, ganzheitliches Denken. Natürlich werden diese Kompetenzen von vielen Managern benötigt – in diesen speziellen Nachhaltigkeitsdilemmata sind sie aber besonders relevant.

 

Pianowski: Unterscheiden sich die Top 10 Kompetenzen aus den beiden Blickwinkeln „Manager“ und „Berater“?

Juretzek: Das tun sie. Manager sehen aus Ihrer internen Brille andere Herausforderungen als Berater aus der externen Sicht. Beide Sichtweisen können sich in der Zusammenarbeit sinnvoll ergänzen. Wesentlichste Kompetenz aus Entscheidersicht ist die Glaubwürdigkeit, die bei den Beratern erst auf Platz 5 rangiert. Auch beurteilen Manager die Konfliktlösungsfähigkeit als wesentlich wichtiger. Gestaltungswillen, Kommunikationsfähigkeit und Beziehungsmanagement werden hingegen von Beratern als relevanter bewertet.

 

Pianowski: Entgegen dem Wunschdenken treten bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit häufig Dilemmata auf und eben nicht nur Win-Win-Situationen. Was können Manager und Berater aus Ihrer Untersuchung lernen?

Juretzek: Die Ergebnisse belegen die Relevanz von Dilemmata als Umsetzungshemmnisse von Nachhaltigkeitsstrategien in Unternehmen. Sie zeigen, wie wichtig soziale-kommunikative und personale Fähigkeiten im Management von Nachhaltigkeit sind. Entscheidend ist nun, dass sich Unternehmen und Entscheider bewusst mit den auftretenden Dilemmata auseinandersetzen. Im Idealfall werden Dilemmata bereits im Zielsetzungsprozess auf strategischer Ebene vermieden und Synergien aktiv herausgearbeitet. Auf Basis der Ergebnisse können auch Ausbildungsmodule für Nachhaltigkeitsmanager gezielter aufgelegt werden.

 

Pianowski: Frau Juretzek, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

 

Den Kontakt zu Saskia und detailliertere Ergebnisse der Untersuchung erhalten Sie unter www.saskiajuretzek.com.